200 Meter in 45 Minuten – oder warum man in Moskau für ein Foto 8 Stunden braucht

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Russland! Wir sind drin! Aber es war nicht leicht, denn russische Zöllner haben immer ein Ass im Ärmel, wenn es darum geht, Unannehmlichkeiten zu verbreiten. Lothar hatte bei unserem zweiten Sturm auf die russische Föderation alle benötigten Dokumente dabei. Die Schwierigkeiten diesmal hatten mit der Sprache zu tun. Eine Vollmacht vom Eigentümer in Englisch ist gut, wenn man mit einem Motorrad, das einem nicht gehört, in fremde Länder fährt. Für einen russischen Zöllner aber nicht gut genug, denn er kann das Dokument nicht lesen. Was seine Neigung fördert, den Vorgang der temporären Einführung eines Fahrzeuges nicht zu befürworten. Für den Abbruch der Amtshandlung reicht seinerseits ein „njet“. Dieses „nein“ ist ein sehr dünner Ansatz für weitere Verhandlungen. Eine schwierige Situation, da an dieser Koordinate, schon linguistisch zwei Welten aufeinander knallen und der gemeinsamen Wortschatz ergibt nur eine sehr kleine Schnittmenge.

Aber Lothar, ganz Radiomann, moderiert die Situation – irgendwie. Wodurch sich auf der anderen Seite der Glasscheibe langsam eine Tätigkeit entwickelt. Der Zöllner ist prinzipiell nett und willens, uns zu helfen. Die beiden Carnets bringen zusätzlichen Schwung in die Sache. Unsere Geschichte erscheint ihm schlüssig und nach einigen Telefonaten und Ratschlägen seiner Kollegen gibt er sein »Okay« – das Go für unsere Einreise nach Russland.

24.05.2013

Heute sollte es sein – der „Rote Platz“ in Moskau, ein Ort mit ungemein touristischer Anziehungskraft. Das rote Zentrum war Lothars Ziel. Er wollte dahin – ich warnte davor, denn dieser Magnet liegt im Zentrum einer 12-Miollionen-Metropole. Aber es war nichts zu machen. In Lothars Kopf war der Rote Platz bisher nur eine neugierige Phantasie, die sollte – endlich – gegen die Realität getauscht werden. Aber diesen Ort mit dem eigenen Fahrzeug zu erreichen ist eine zeitfressende und geduldverlangende Herausforderung. Dafür machen moderne Hilfsmittel für die Orientierung selbst einen Moloch wie Moskau erträglicher.

Das Suchen und Finden war nicht so schlimm, das Foto dafür um so fordernder. An diesem Tag diente der Rote Platz, wie so oft in seiner Geschichte, als Aufmarschfläche. Überall Militär, Polizei, Sicherheitskräfte. Keiner wollte uns. Zwei Kerle auf zwei Motorrädern scheinen ein gefährliches Potential zu beinhalten. Es reichte nur für einen »Schuss aus der Hüfte«, aber Lothar hatte ja seine Bilder im Kopf, er war zufrieden.

Was folgte, war ein Fiasko an Fortschritt. Der Weg in die Stadt war in zwei Stunden erledigt. Aber raus gab es nur Stillstand, kein Durchsatz. Der Verkehr in Russlands Hauptstatt, ein einziges Kammerflimmern. Die Stadt machte Feierabend und alles wollte nach Hause. Alle Regeln des Anstands und der Sicherheit wurden außer Kraft gesetzt. Ampeln zu lästigen Lichtorgeln degradiert, die nur von Autofahrern beachtet werden, die sich sonst im Verkehr nicht durchsetzen können. Die Souveränen preschen, wann immer möglich, in die Kreuzung, um sich hupend einen Stehplatz zu sichern. Das Resultat – 200 Meter in 45 Minuten. Während eines Gewitters haben wir uns ausgeklinkt und das nächste Hotel angefahren. Da lagen schon acht Stunden Moskau in mobiler Regungslosigkeit hinter uns.

geschrieben von am Montag, den 27. Mai 2013

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