Ni hao China
Dienstag, 18. Juni 2013 3:14

Auf dem Markt in Erenhot warten die Spediteure auf Aufträge. .
Zwischen Ulaan Baatar und der chinesischen Grenze liegt das Nichts. Wieder eine dieser Unendlichkeiten, durch die wir in den letzten Wochen gekommen sind. Dieses Nichts ist anstrengender als die anderen, denn es hat keinen festen Untergrund. Bis Ulaan Baatar waren wir – von einigen schotterigen Ausnahmen einmal abgesehen – immer auf Asphalt unterwegs. Was uns auf den nächsten 700 Kilometern bis zur Grenze erwartet, bleibt unklar. Von einer neuen Straße sprechen die Mongolen, gerade fertiggestellt. Schnell ist der Zeitplan im Kopf zurechtgelegt, die Kilometer eingeteilt und eigentlich sind wir schon in China – easy going! Eine schöne Vorstellung, die aber nicht der Realität entspricht. Bis Chior ist alles prima. Die versprochene Teerdecke Richtung Süden vorhanden. Doch nach diesem Ort bricht alles zusammen. Was folgt, ist eine Baustelle, die sich über fast 200 Kilometer hinzieht. Der Asphalt existiert, neu, frisch aufgelegt und noch pechschwarz. Die Straße ist aber noch nicht freigegeben. Ärgerlich, denn wir poltern wenige Meter neben dieser ebenen Fläche auf einer mit Schlaglöchern verpickelten Piste.
Barrieren blocken jeden Versuch ab, dieses jungfräuliche Asphaltband zu erreichen. Nur dann und wann gelingt uns ein Sprung auf die Straße, doch Absperrungen oder Bauarbeiter werfen uns immer wieder zurück auf die staubige Piste. Ständig wird an dieser Straße gebastelt. China braucht neue Vertriebswege und diese Strecke quer durch die Mongolei ist die kürzeste Verbindung nach Russland. Ein Absatzmarkt, den die Händler im Reich der Mitte gerade intensiv erschließen. Was bremst ist die schlechte Verbindung. Zwar wir intensiv gebaut, aber über weite Passagen kommen die großen Lkw, die bis zu 60 Tonnen an Waren transportieren, über Schrittgeschwindigkeit nicht hinaus. Das letzte Stück ist das schwierigste. Vor dem mongolischen Grenzort Zamyn Uud schlägt die Gobi noch einmal zu. Es wird sandig. Der weiche Untergrund verzögert weiter. Schon zweimal haben wir mit dem Guide, der an der chinesischen Grenze auf uns wartet, telefoniert. Bei jedem Gespräch mussten wir unsere Ankunft auf eine spätere Tageszeit verschieben.
Zamyn Uud enttäuscht nicht. Keine Zutat fehlt. Grenzorte wie dieser haben ihr eignes Ambiente. Die Straßen sind abgenutzt vom ständigen Kommen und Gehen. Lkw hängen in den Straßen herum. Die Fahrer atmen noch einmal durch, bevor es auf die Piste geht. Dieser Weg wird ihnen nichts schenken. Den Papierkrieg, den dieser Länderwechsel fordert, haben sie gerade hinter sich gebracht. Vor ihnen liegt nun ein endloses Wippen durch die Ausläufer der Gobi-Wüste.
Nur noch der Bürokratismus trennt uns von China. An solchen Grenzen wird das Leben gedehnt. Selbst Augenblicke besitzen an derartigen Orten eine Ewigkeit. Es geht vorbei an Dutzenden ausgelutschter Lkw, deren Fahrer diese Prozedur schon zigmal hinter sich gebracht haben. Fast alle dieser Ruß werfenden Ungetüme sind leer, sie sind auf dem Weg zurück, um wieder Nachschub heranzuschaffen.

Cho´´s – Roadbook für unsere Tour durch China.
An solch einem Punkt sind alle gleich. Ausnahmen gibt es nicht. Das Ritual ist festgeschrieben. Wer Beziehungen hat, kann es höchstens beschleunigen. Aber der Laufzettel taktet jeden, der über die Grenze will. Fehlt ein Stempel, geht es nicht weiter. Und solch ein Ritual kann dauern, vor allem, wenn es aus dem Trott gerät. Unsere Motorräder und unsere Nationalität sind Fremdkörper im bürokratischen Ablauf und so etwas verlangt nach höherer Sorgfalt. Aber auch solche Herausforderungen werden von den mongolischen Zöllnern bewältigt. Und dabei verlässt nie der Ausdruck von Gelassenheit ihr Gesicht.
Dann China! Schon im ersten Moment bin ich positiv enttäuscht. „Welcome to China“ sind die ersten Worte des jungen Soldaten, der uns stoppt. Ich sehe keine finstere Mine, sondern ein ehrliches Lachen und zwei Augen, die gierig jedes Detail am Motorrad aufnehmen. Auch an der nächsten Station wird es nicht schlechter. Dort nimmt uns Cho in Empfang, dessen Erleichterung über unsere Ankunft deutlich zu erkennen ist. Kameras werden gezückt, Photo-Shooting mit den Zöllnern. Der ganze Ablauf wird begleitet von Leichtigkeit. Höflich und immer freundlich Fragen die Beamten nach Details der Motorräder, werfen einen sporadischen Blick in die Koffer – das war es. Fertig!
Der Akt der Einreise ist aber nicht zu Ende. Es fehlt noch eine Genehmigung, die es uns erlaubt, die Motorräder auf chinesischen Straßen zu bewegen. Heute ist der dritte Tag und in dieser Sache hat sich bisher nichts getan. Unser Guide kämpft verbissen um den letzten Stempel. So sei das in China, sagt er immer wieder. Diese Warteschleife gibt uns die Möglichkeit, mit dem „Reich der Mitte vertrauter zu werden. Nach drei Tagen werden wir, die „Laowai“ (Langnasen), auf dem Markt schon von den Händlern mit einem herzlichen „Ni hao“ und einem Lächeln begrüßt.
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