Way to Huyen – mit dem Motorrad nach Vietnam

Am 17. Mai 2013 ist der Radiomoderator Lothar Baltrusch mit dem Motorrad aufgebrochen, um sein Patenkind Huyen in Vietnam zu besuchen. Er hat das Abenteuer mit einem guten Zweck verbunden und die Kilometer seiner Reise zugunsten der Hilfsorganisation World Vision verkauft. Bei Organisation und Durchführung der Reise unterstützt ihn der erfahrene Fernreisende Andreas Hülsmann.
Andreas wird hier im TF-Blog regelmäßig von unterwegs berichten.

Ni hao China

Dienstag, 18. Juni 2013 3:14

Auf dem Markt in Erenhot warten die Spediteure auf Aufträge. .

Auf dem Markt in Erenhot warten die Spediteure auf Aufträge. .

Zwischen Ulaan Baatar und der chinesischen Grenze liegt das Nichts. Wieder eine dieser Unendlichkeiten, durch die wir in den letzten Wochen gekommen sind. Dieses Nichts ist anstrengender als die anderen, denn es hat keinen festen Untergrund. Bis Ulaan Baatar waren wir – von einigen schotterigen Ausnahmen einmal abgesehen – immer auf Asphalt unterwegs. Was uns auf den nächsten 700 Kilometern bis zur Grenze erwartet, bleibt unklar. Von einer neuen Straße sprechen die Mongolen, gerade fertiggestellt. Schnell ist der Zeitplan im Kopf zurechtgelegt, die Kilometer eingeteilt und eigentlich sind wir schon in China – easy going! Eine schöne Vorstellung, die aber nicht der Realität entspricht. Bis Chior ist alles prima. Die versprochene Teerdecke Richtung Süden vorhanden. Doch nach diesem Ort bricht alles zusammen. Was folgt, ist eine Baustelle, die sich über fast 200 Kilometer hinzieht. Der Asphalt existiert, neu, frisch aufgelegt und noch pechschwarz. Die Straße ist aber noch nicht freigegeben. Ärgerlich, denn wir poltern wenige Meter neben dieser ebenen Fläche auf einer mit Schlaglöchern verpickelten Piste.

Barrieren blocken jeden Versuch ab, dieses jungfräuliche Asphaltband zu erreichen. Nur dann und wann gelingt uns ein Sprung auf die Straße, doch Absperrungen oder Bauarbeiter werfen uns immer wieder zurück auf die staubige Piste. Ständig wird an dieser Straße gebastelt. China braucht neue Vertriebswege und diese Strecke quer durch die Mongolei ist die kürzeste Verbindung nach Russland. Ein Absatzmarkt, den die Händler im Reich der Mitte gerade intensiv erschließen. Was bremst ist die schlechte Verbindung. Zwar wir intensiv gebaut, aber über weite Passagen kommen die großen Lkw, die bis zu 60 Tonnen an Waren transportieren, über Schrittgeschwindigkeit nicht hinaus. Das letzte Stück ist das schwierigste. Vor dem mongolischen Grenzort Zamyn Uud schlägt die Gobi noch einmal zu. Es wird sandig. Der weiche Untergrund verzögert weiter. Schon zweimal haben wir mit dem Guide, der an der chinesischen Grenze auf uns wartet, telefoniert. Bei jedem Gespräch mussten wir unsere Ankunft auf eine spätere Tageszeit verschieben.

Zamyn Uud enttäuscht nicht. Keine Zutat fehlt. Grenzorte wie dieser haben ihr eignes Ambiente. Die Straßen sind abgenutzt vom ständigen Kommen und Gehen. Lkw hängen in den Straßen herum. Die Fahrer atmen noch einmal durch, bevor es auf die Piste geht. Dieser Weg wird ihnen nichts schenken. Den Papierkrieg, den dieser Länderwechsel fordert, haben sie gerade hinter sich gebracht. Vor ihnen liegt nun ein endloses Wippen durch die Ausläufer der Gobi-Wüste.

Nur noch der Bürokratismus trennt uns von China. An solchen Grenzen wird das Leben gedehnt. Selbst Augenblicke besitzen an derartigen Orten eine Ewigkeit. Es geht vorbei an Dutzenden ausgelutschter Lkw, deren Fahrer diese Prozedur schon zigmal hinter sich gebracht haben. Fast alle dieser Ruß werfenden Ungetüme sind leer, sie sind auf dem Weg zurück, um wieder Nachschub heranzuschaffen.

Cho´´s - Roadbook für unsere Tour durch China.

Cho´´s – Roadbook für unsere Tour durch China.

An solch einem Punkt sind alle gleich. Ausnahmen gibt es nicht. Das Ritual ist festgeschrieben. Wer Beziehungen hat, kann es höchstens beschleunigen. Aber der Laufzettel taktet jeden, der über die Grenze will. Fehlt ein Stempel, geht es nicht weiter. Und solch ein Ritual kann dauern, vor allem, wenn es aus dem Trott gerät. Unsere Motorräder und unsere Nationalität sind Fremdkörper im bürokratischen Ablauf und so etwas verlangt nach höherer Sorgfalt. Aber auch solche Herausforderungen werden von den mongolischen Zöllnern bewältigt. Und dabei verlässt nie der Ausdruck von Gelassenheit ihr Gesicht.

Dann China! Schon im ersten Moment bin ich positiv enttäuscht. „Welcome to China“ sind die ersten Worte des jungen Soldaten, der uns stoppt. Ich sehe keine finstere Mine, sondern ein ehrliches Lachen und zwei Augen, die gierig jedes Detail am Motorrad aufnehmen. Auch an der nächsten Station wird es nicht schlechter. Dort nimmt uns Cho in Empfang, dessen Erleichterung über unsere Ankunft deutlich zu erkennen ist. Kameras werden gezückt, Photo-Shooting mit den Zöllnern. Der ganze Ablauf wird begleitet von Leichtigkeit. Höflich und immer freundlich Fragen die Beamten nach Details der Motorräder, werfen einen sporadischen Blick in die Koffer – das war es. Fertig!

Der Akt der Einreise ist aber nicht zu Ende. Es fehlt noch eine Genehmigung, die es uns erlaubt, die Motorräder auf chinesischen Straßen zu bewegen. Heute ist der dritte Tag und in dieser Sache hat sich bisher nichts getan. Unser Guide kämpft verbissen um den letzten Stempel. So sei das in China, sagt er immer wieder. Diese Warteschleife gibt uns die Möglichkeit, mit dem „Reich der Mitte vertrauter zu werden. Nach drei Tagen werden wir, die „Laowai“ (Langnasen), auf dem Markt schon von den Händlern mit einem herzlichen „Ni hao“ und einem Lächeln begrüßt.

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Drecks Leben

Mittwoch, 12. Juni 2013 8:44

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Munkhzorig kennt nur Dreck. Sein junges Leben lang hat er nicht viel anderes gesehen. Den ganzen Tag wühlt er darin, nicht weil es ihm Spaß macht, er tut es, weil er es muss. Obwohl der neunjährige Junge nicht viele Perspektiven hat, will er leben.

Munkhzorig gehört zu den Trash-Kids, die die Müllhalde von Ulaan Baatar nach Verwertbarem durchwühlen, nach etwas das sich noch zu Geld machen lässt, obwohl es niemand mehr haben wollte. Eine Schule hat Munkhorzig bisher nicht besucht und wird es auch wohl nie. Dazu lässt ihm sein Leben keine Zeit. Er muss essen und dafür braucht er Geld. Ein bis zwei Dollar schafft er am Tag. Das Geld, das er mit Müll verdient, reicht gerade für Brot und wenn es gut läuft, reicht es auch noch für etwas mehr. Seit dem er laufen kann, durchkämmt der Junge die Halde nach Plastikflaschen, Dosen, Metall und alten Kabeln, nach Dingen die noch einen Wert haben, wenn auch minimal.

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Ein hartes und ungesundes Leben. Bisher hat sich sein kleiner Körper gegen diese Bedingungen gewehrt, nun scheint er aufzugeben. Ein Parasit hat Munkhzorigs Magen befallen, der ihm das Größerwerden schwer macht. Seine Atemwege sind erkrankt und die Augen leiden unter einem Infekt. Und nun steht er unten am Eingang der Deponie und wartet geduldig, wartet auf ein Auto, das ihm Linderung verschafft.

Die Hilfsorganisation World Vision hat für die Menschen, die auf der Müllhalde leben, eine mobile Praxis eingerichtet. Die Ärzte, die ein- bis zweimal die Woche vorbeischauen, behalten besonders die Kinder im Auge, tun was sie können, damit sich Krankheiten nicht ausbreiten, wie der Parasit, in Munkhzorigs Magen. »Unter diesen Bedingungen ist es schwer wieder gesund zu werden«, sagt Thiru, der Leiter von World Vision Mongolia. Was da zu sehen ist, wollen an Wohlstand gewöhnte Augen nicht begreifen, und auch der Kopf hat es schwer, diese Umstände als lebbar zu akzeptieren.

Selbst der Müll hat Strukturen, die es Munkhzorigs nicht leichter machen. Nicht nur Kinder durchwühlen die Hinterlassenschaften der Stadt. Auch Dutzende Erwachsene existieren vom Müll. Selbst im Dreck gibt es Hierarchien, und den Kindern bleiben oft nur die Reste von den Resten. Munkhzorigs Eltern haben sich kaum um ihn gekümmert, sie waren selbst zu sehr damit beschäftigt, zu überleben.

Es gibt auch Hoffnungsschimmer

Aber es gibt auch Dinge, die die Seele wieder beruhigen und trösten. Lothar und ich haben mehrere Projekte in Ulaan Baatar besucht, die von World Vision unterstützt werden. Es gibt auch Gutes zu sehen. Die »Schule Nummer 62« hat so etwas. 3000 Schüler lernen dort, in drei Schichten – vormittags, nachmittags und am Abend ist Unterricht. Daneben gibt es Workshops, wie den »Children Music Club«, wo Jungen das Spielen der Pferdekopfgeige lernen.

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Und da ist da noch die Schneiderei in der »Schule 107«. Die Schüler können dort Kleidung designen, nähen und mehrmals im Jahr ihre Kreationen einem breiten Publikum vorführen. Das Fotoalbum, das die Direktorin der »Schule 107« stolz präsentiert, offenbart so manches Talent.

Der Tag mit World Vision war ein gewaltiges Erlebnis. Er brachte Momente, die haften bleiben und nachdenklich machen. 600 Kinder warten in der Mongolei in den von World Vision unterstützten Projekten noch auf einen »Sponsor«, der ihnen eine Perspektive auf ein anderes – besseres – Leben verschafft. Nach der Rückkehr von dieser Reise werden es 599 Kinder sein.

Hinweis:

Jetzt geht es Richtung China. Wie es da mit einer Internet-Verbindung aussieht, lässt sich im Moment nicht sagen.
Da der Chinese die Kombination von Ausländern und Sat-Phones nicht mag, werden wir unser Himmels-Telefon im Reich der Mitte nicht benutzen, sind also auf Wifi-Verbindungen angewiesen. Sicher ist: Facebook gibt es nicht in China. Es könnte also in den kommenden zwei Wochen etwas ruhiger in diesem Blog zugehen.
Bleibt dran, wir melden uns sobald wie möglich.

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Die Steppen-Oase

Montag, 10. Juni 2013 15:44

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Ulaan Baatar, ein herbeigesehnter Ort. Nicht die Stadt selbst, mit ihren 1,5 Mio. Einwohnern und dem nie endenden Verkehrschaos. Der herbeigesehnte Ort ist das Oasis am Rand der Metropole. Das Guesthouse ist eine gute Position, um für ein paar Tage den Anker zu werfen. Und wie bei meinem letzten Besuch ist es auch diesmal fast so, als würde ich nach Hause kommen. Kaum etwas hat sich verändert, alles ist noch so, wie in meinen Erinnerungen. Nichts fehlt, die Herzlichkeit, die Ruhe und die Menschen, alles ist noch da, Sibylle die Managerin, Boldro die Köchin und die anderen Mitarbeiter. Schon zweimal war ich in dieser Oase. Das letzte Mal 2011, zusammen mit Claudia auf der Reise nach Magadan.

Jetzt bin ich wieder hier. Und doch gibt es eine Veränderung, die zwangsläufig passieren muss – die Gäste haben gewechselt. Neue Gesichter, neue Geschichten, neue Philosophien. Alle interessant, alle hörenswert. Wie die von Dimitri, der in Seattle lebt. Ein Extremist wenn es ums Reisen geht. Sein Anspruch – die Welt zu umrunden aus eigener Kraft. »Human powered«, wie Dimitri es nennt. Die einzigen Hilfsmittel die er sich bei dieser Strapaze gönnt, sind Fahrrad, Schlitten oder Ruderboot (mit dem er den Atlantik überqueren will) – alles Dinge, die er mit seinen Muskeln bewegen kann. Die Beringstraße hat er schon im letzten Winter zu Fuß von Alaska nach Sibirien mit einem Schlitten hinter sich gebracht. 15 Tage habe er dafür gebraucht, den ersten Menschen habe er erst nach einem Monat wieder zu Gesicht bekommen. Jetzt sitzt er im Oasis und verstrickt sich mehr und mehr in bürokratische Prozesse. Kürzlich hat er geheiratet, und nun ist er dabei, die Einbürgerung seiner russischen Frau in die USA zu regeln. Im Moment ist er sich nicht sicher, was das größere Abenteuer ist, die Weltumrundung aus eigener Kraft, oder die Papierschlacht mit den amerikanischen Behörden. Fast drei Jahre ist er schon unterwegs und ein Drittel hat er erst geschafft. Wann er dieses Projekt abschließt wird, weiß Dimitri nicht. Er macht keine Pläne, nimmt es lieber wie es kommt.

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Kojis kleiner Sohn fühlt sich schon sichtbar wohl auf der GS.

Das Oasis ist auch ein guter Punkt um dem Motorrad wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, von der es auf den letzten 9000 Kilometer zu wenig bekommen hat. Der fällige Ölwechsel und ein Satz neue Reifen. In den letzten drei Wochen mussten die beiden BMWs nur eins, funktionieren und den ein oder anderen Fahrfehler verzeihen. Eine Gegenleistung in Form von Zuwendungen gab es kaum.

Unterstützt werden wir bei der Wartung von Koji. Der Japaner, den es der Liebe wegen nach Ulaan Baatar zog, hat schon als Mechaniker bei der Dakar Rallye Autos wieder zusammen geschraubt. Jetzt hat er eine kleine Werkstatt direkt neben dem Oasis. An diesem Ort können wir uns an den Bikes austoben, die Technik wieder in Ordnung bringen. Wobei einige Mängel zum Vorschein kommen. Das übersehene Schlagloch kurz vor Ulaan Baatar blieb nicht ohne Folgen. Zwei dicke Dellen zieren nun Vorder- und Hinterradfelge. Wie mit diesem Missstand umgehen? Ausbeulen? So lassen, wie es ist? Ich habe beschlossen die Beulen in den Felgen zu ignorieren. Hatten sie doch bis jetzt keine negative Auswirkung auf das Fahrverhalten, nicht einmal ein Druckverlust in den Reifen war festzustellen. Darum wird mein Leben im Oasis bis zur Abreise am Mittwoch wenig rasant und aktionslos verlaufen. Kurz – es werden ruhige Tage.

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Doswidanja „POCCИЯ“

Donnerstag, 6. Juni 2013 10:11

»Watch Man« Valerij hat die ganze Nacht unsere Motorräder bewacht.

»Watch Man« Valerij hat die ganze Nacht unsere Motorräder bewacht.

Ulan Ude, kaputt, fertig, ausgelutscht. Fast 9000 Motorrad-Kilometer mehr in meinem Leben, davon fast 5000 Kilometer auf dem sibirischen Highway, diesem asphaltierten Marterpfahl zwischen Moskau und Wladiwostok. Diese Straße war auch auf meiner dritten Tour durch Sibirien gnädig. Lothar mit seinem platten Vorderrad-Reifen, einige lockere Schrauben, sonst nichts Auffälliges. Glück gehabt!

Ja, es muss Glück mit im Spiel gewesen sein, wenn man diese Trasse heil überstanden hat. Dieser Highway fordert Opfer. Manchmal ist es nur ein kaputter Auspuff, manchmal schon eine gebrochene Achse und manchmal eine abgesprungene Kette, wie bei Alexej, der kurz vor Achinsk mit seinem Motorrad liegen geblieben ist.

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Wir können Alexej mit unserem Werkzeug bei einer Reparatur aushelfen.

Wer nur eine Panne hatte, der darf sich zu den Davongekommenen zählen, denn diese Straße fordert viel zu oft auch Leben. Immer wieder Kreuze, Blumenkränze, Gedenksteine, nicht selten im Kilometertakt am Straßenrand, jeder dieser Hinweise auf ein Unglück betrauert mindestens ein Opfer. Was zählen da unsere kleinen Schrammen und Zerrungen. Der Körper hat immer noch nicht begriffen, was da in den letzten zweieinhalb Wochen passiert ist. Und die sechs Zeitzonen haben den Verstand auch noch nicht erreicht.

Der sibirische Highway nimmt aber nicht nur, er gibt auch. Wie die ewigen Landschaften, durch die er führt. Und immer wieder schmeißt er Begegnungen dazwischen. Diese Zusammentreffen sind meist nur Fragmente, die aber den Kopf lange bereichern. Wie das Treffen mit Valerij dem »Watch-Man« an der New Orient Gastiniza zwischen Novosibirsk und Kansk, der in der Nacht unsere Motorräder nicht aus den Augen gelassen hat. Oder eben Alexej, der dankbar bei unserem Werkzeug zugriff, um die abgesprungene Kette, wieder auf das Ritzel zu heben. Und da war da noch Andrej, der so begeistert von unserer Tour und den Motorrädern war, dass er uns sein Taschenmesser schenkte – für alle Fälle.

Diese Art der Begegnungen wird es nun nicht mehr geben. Das nächste Ziel, die Mongolei, ein anderes Land, andere Menschen und eine andere Weite.

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Nobles Logieren am Sib Highway

Mittwoch, 5. Juni 2013 8:51

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Manchmal muss man nehmen, was kommt. So auch diese Unterkunft am Sibirischen Highway. Wir melden uns bald mit einem neuen Bericht von unterwegs.

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Der Held von Ishim

Freitag, 31. Mai 2013 9:17

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Manchmal braucht es nicht viel, um ein Held zu werden. Uns reichen an diesem Abend schon zwei Worte. »Want sleep«. Unser Held trägt eine schwarze Kutte, schwarzen Helm, dunkle Sonnenbrille und sitzt auf einer polternden Harley. Mein Kopfnicken löst bei ihm eine Initialzündung aus. Zwischen dem lauten Getöse aus seinem Auspuff dringt nur ein »Come« an meine Ohren. Für mich sind diese vier Buchstaben der einzige Strohhalm, der diesen Tag ohne großen Stress beenden kann.

Mehr als 600 Kilometer stehen auf dem Tageskilometerzähler. Die Sonne ist gerade dabei, sich für heute zu verabschieden und Ishim schlafen zu schicken. Auf den ersten Blick heißt die Stadt Gäste nicht gerade willkommen – was auch ein zweiter Blick nicht ändert. Niemand will an diesem Ort hängen bleiben, wenn er nicht muss.

Dementsprechend ist die Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten knapp. Erster Anlauf unseres Helden ist das einzige Hotel in Ishim. Die »Lobby« offeriert die Gastlichkeit einer Haftanstalt, alles ist vergittert, dazu passt der Ton der jungen Dame an der »Rezeption«. Eine bisher ungeschlagene Performance aus Unfreundlichkeit und Desinteresse. Frühstück gibt es nicht, und wo wir die Bikes sicher parken können, ist ihr auch egal. Das Kollektiv aus Grobschlächtigkeit, Passivität und Knastatmosphäre hat seinen Preis. 4400 Rubel (110 Euro) ruft die junge Dame auf. Hoppla! Das einzige Hotel am Platz zu sein, ist ein Alleinstellungsmerkmal, das diesen Preis wohl fordern lässt. Trotz unserer Lage – wir brauchen ein Bett – ist uns der Gegenwert, den wir dafür bekommen, zu gering.

Wir kennen inzwischen den Namen unseres Helden. Maxim ist ein Kenner von Ishim und hat noch ein Hostel als Trumpf. »Cheep and Bikes save!« Mit diesen Informationen hängen wir uns an Maxims Hinterrad. Ein paar Ecken weiter stehen wir vor einer Autowaschanlage mit angeschlossener Zimmervermietung. Die Übernachtung ist schnell klar gemacht. Der Preis ist nicht günstig, aber fair. Und die BMWs stehen sicher. Aber genau das ist auch der Nachteil. Der Stellplatz für die Nacht sind die Räumlichkeiten der Waschanlage und die hat bis Mitternacht geöffnet. Vorher können die Motorräder da nicht rein. Zwei Stunden Wartezeit geben uns die Gelegenheit, Maxim ein wenig näher kennen zu lernen und die Anziehungskraft einer manuellen Reinigungsanlage für Autos auf russische Männer zu begutachten. In den Garagen putzen zwei junge Damen die Karren, draußen warten ungeduldig die Herren. Maxim, unser Held, sorgt sich um uns. Karrt mit der Harley Essen und Getränke heran, stoppen können wir ihn nicht.

Langsam entwickelt sich eine Art Gespräch. Alles was die Kommunikation fördert, ist erlaubt. Mein Russisch besteht, ebenso wie Maxims Englisch, aus Fragmenten, dazu mixt Lothar ein wenig Deutsch. Wenn gar nichts mehr geht, hilft eine App über den gröbsten Wissensdurst hinweg.

Wir erfahren, dass Maxim ein Café betreibt und ein Anzeigenblatt herausgibt, dass wir uns vor der Polizei in acht nehmen, auch nicht im Rausch auf die Motorräder steigen sollen und Ishim eigentliche eine »good town« ist.

Nebenbei suchen wir nach Indizien, die die Sicherheit der Motorräder gefährden könnten. Die Herren, die in lockerer Reihenfolge immer wieder vorbeischauen, sind so ein Indiz. Schwarzer Wagen, schwarze Scheiben, schwarze Klamotten. Und jedes Mal haben sie ein bisschen mehr Alkohol intus. Solche Bilder fördern negative Szenarien im Kopf. Maxim bemerkt unsere Sorge. »Good men, drink much, but good men«, beruhigt er.

Unsere Motorräder sind zu einem Anlaufpunkt und Smalltalk-Happening geworden. Es folgen Einladungen zum Banjabesuch mit kostenlosem Zugriff auf alkoholische Getränke. Lassen wir uns darauf ein, droht ein Absturz, der die morgige Fortsetzung der Reise gefährdet. Wir sind zudem viel zu müde. Die 625 Kilometer auf den Enduros sind dem Körper nicht verborgen geblieben und er fängt an, seinen Wunsch nach Schlaf durchzusetzen. Unsere Hoffnungen auf eine frühere Möglichkeit, die Motorräder in die Garage zu schieben, bleiben unerfüllt. Um kurz vor Mitternacht rollt der letzte Kunde des Tage an. Noch einmal für die Damen das volle Waschprogramm. Dann endlich sind wir an der Reihe. Keine viertel Stunde später bekommt der Körper die geforderte Ruhe.

Um 8 Uhr müssen wir raus. Der erste Kunde begehrt ein sauberes Auto, die Motorräder stören da nur. Maxim holt uns ab. Lädt zu einem kleinen Frühstück in sein Café ein. Dann bringt uns unser Held noch vor die Stadt und verabschiedet sich. Vor uns liegen 350 Kilometer bis nach Omsk und eine weitere Zeitverschiebung, plus eine Stunde. Dabei knabbern wir noch an der letzten, vorgestern haben wir die Uhr zwei Stunden vorgestellt, bis Omsk kommt eine weitere dazu.

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Asien – oder die dekadente Seite der Unendlichkeit

Mittwoch, 29. Mai 2013 15:11

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Wieder ein Schritt. Die Grenze zu Asien liegt hinter uns, das Ural Gebirge ist überquert. Die M 5 zwischen Ufa und Chelyabinsk ist immer eine kleine Herausforderung. Es ist die Lebensader Sibiriens, Bypässe gibt es nicht viele. Über diese Strecke läuft der Warentransport Richtung Osten. 60-Tonner zwängen sich auf einer schmalen Straße durch das Gebirge, das Europa und Asien trennt.

Unterwegs im Ural haben wir den Nikolaus getroffen – nicht den vom Nordpol, dieser junge Mann kommt aus Griechenland. Nick liebt es minimalistisch. Eine Tasche, ein Ersatzreifen, ein Tankrucksack – fertig. So etwas mache vieles einfacher, so seine Philosophie. Mit seiner Suzuki Freewind – an der auch nichts Überflüssiges mehr ist – hat er sich auf den Weg nach Magadan gemacht.

Auf diesem Teilstück der M5 ist der Asphalt verwüstet von den Schlägen, die ungezählte Reifen jeden Tag austeilen. Die Luft riecht nach verglühenden Bremsen und zerriebenen Kupplungen. Es wird gedrängelt und waghalsig überholt, auch zu waghalsig. Dass es viel zu oft nicht passt, das zeigen die Blumen, Kreuze und Gedenktafeln am Straßenrand. Unbeachtete Mahnungen. Wann immer der Hauch einer Chance besteht, am Vordermann vorbeizuziehen, wird sie ergriffen.

Dieser Teil liegt nun hinter uns. Wir sind in Sibirien. In den kommenden Tagen geht es um das Vernichten von Kilometern. Omsk, Novosibirsk, Krasnojarsk, Irkutsk sind die Meilensteine der kommenden Tage. Mit dem Baikalsee als abschließendem Höhepunkt bevor es in die Mongolei geht – die ist aber noch 5000 Kilometer entfernt.

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200 Meter in 45 Minuten – oder warum man in Moskau für ein Foto 8 Stunden braucht

Montag, 27. Mai 2013 7:56

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Russland! Wir sind drin! Aber es war nicht leicht, denn russische Zöllner haben immer ein Ass im Ärmel, wenn es darum geht, Unannehmlichkeiten zu verbreiten. Lothar hatte bei unserem zweiten Sturm auf die russische Föderation alle benötigten Dokumente dabei. Die Schwierigkeiten diesmal hatten mit der Sprache zu tun. Eine Vollmacht vom Eigentümer in Englisch ist gut, wenn man mit einem Motorrad, das einem nicht gehört, in fremde Länder fährt. Für einen russischen Zöllner aber nicht gut genug, denn er kann das Dokument nicht lesen. Was seine Neigung fördert, den Vorgang der temporären Einführung eines Fahrzeuges nicht zu befürworten. Für den Abbruch der Amtshandlung reicht seinerseits ein „njet“. Dieses „nein“ ist ein sehr dünner Ansatz für weitere Verhandlungen. Eine schwierige Situation, da an dieser Koordinate, schon linguistisch zwei Welten aufeinander knallen und der gemeinsamen Wortschatz ergibt nur eine sehr kleine Schnittmenge.

Aber Lothar, ganz Radiomann, moderiert die Situation – irgendwie. Wodurch sich auf der anderen Seite der Glasscheibe langsam eine Tätigkeit entwickelt. Der Zöllner ist prinzipiell nett und willens, uns zu helfen. Die beiden Carnets bringen zusätzlichen Schwung in die Sache. Unsere Geschichte erscheint ihm schlüssig und nach einigen Telefonaten und Ratschlägen seiner Kollegen gibt er sein »Okay« – das Go für unsere Einreise nach Russland.

24.05.2013

Heute sollte es sein – der „Rote Platz“ in Moskau, ein Ort mit ungemein touristischer Anziehungskraft. Das rote Zentrum war Lothars Ziel. Er wollte dahin – ich warnte davor, denn dieser Magnet liegt im Zentrum einer 12-Miollionen-Metropole. Aber es war nichts zu machen. In Lothars Kopf war der Rote Platz bisher nur eine neugierige Phantasie, die sollte – endlich – gegen die Realität getauscht werden. Aber diesen Ort mit dem eigenen Fahrzeug zu erreichen ist eine zeitfressende und geduldverlangende Herausforderung. Dafür machen moderne Hilfsmittel für die Orientierung selbst einen Moloch wie Moskau erträglicher.

Das Suchen und Finden war nicht so schlimm, das Foto dafür um so fordernder. An diesem Tag diente der Rote Platz, wie so oft in seiner Geschichte, als Aufmarschfläche. Überall Militär, Polizei, Sicherheitskräfte. Keiner wollte uns. Zwei Kerle auf zwei Motorrädern scheinen ein gefährliches Potential zu beinhalten. Es reichte nur für einen »Schuss aus der Hüfte«, aber Lothar hatte ja seine Bilder im Kopf, er war zufrieden.

Was folgte, war ein Fiasko an Fortschritt. Der Weg in die Stadt war in zwei Stunden erledigt. Aber raus gab es nur Stillstand, kein Durchsatz. Der Verkehr in Russlands Hauptstatt, ein einziges Kammerflimmern. Die Stadt machte Feierabend und alles wollte nach Hause. Alle Regeln des Anstands und der Sicherheit wurden außer Kraft gesetzt. Ampeln zu lästigen Lichtorgeln degradiert, die nur von Autofahrern beachtet werden, die sich sonst im Verkehr nicht durchsetzen können. Die Souveränen preschen, wann immer möglich, in die Kreuzung, um sich hupend einen Stehplatz zu sichern. Das Resultat – 200 Meter in 45 Minuten. Während eines Gewitters haben wir uns ausgeklinkt und das nächste Hotel angefahren. Da lagen schon acht Stunden Moskau in mobiler Regungslosigkeit hinter uns.

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Der Briefträger soll Donnerstag kommen

Donnerstag, 23. Mai 2013 10:21

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Das war wohl nichts! Schon der lettische Zöllner zeigte sich wenig beeindruckt von Lothars Fahrzeugpapieren. Obwohl er willens war – trotz fehlendem Dokument – uns Richtung Osten ziehen zu lassen, sind wir wieder in Ludza, diesmal um zu warten. Es war die innige Empfehlung des lettischen Offiziellen, der uns zum Rückzug Richtung Westen veranlasste. »Der Russe scherzt nicht mit Dokumenten.« Diese – zugegeben etwas freie – Übersetzung des Wortlautes bringt es auf dem Punkt.

Wir hätten es versuchen können mit der Einreise nach Russland, aber ohne große Aussichten auf Erfolg. Also bringt ein deutsches Logistik-Unternehmen das fehlende Dokument per Express an die Grenze. Auf uns wartet dennoch ein erfüllter Tag. Das Netzteil des Computers muss ersetzt werden. In der lettischen Provinz durchaus eine tagesfüllende Aufgabe. Dennoch blieb Zeit, sich um die Motorräder zu kümmern. Alles was nach 2000 Kilometer so anfällt, wurde erledigt. Kette spannen, Ölstand kontrollieren, Reifendruck prüfen. Auch so ein »Erwartungstag« hat unter diesen Umständen ein hohe Zerfallsrate.

Aber morgen wird es klappen mit der Einreise nach Russland. Woher ich das so genau weiß? Die Sendungsverfolgung per Internet lässt den Hoffenden über nichts mehr im unklaren. Die Expresszustellung ist schon auf dem Weg nach Ludza. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja noch eine Überraschung an der Grenze, es wäre nicht die Erste, die ich bei der Einreise nach Russland erleben würde…

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Für Russland hat es nicht gereicht

Dienstag, 21. Mai 2013 11:00

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Eine große Sache hatten wir gestern vor – die Einreise nach Russland. Der Übergang ist immer etwas speziell. Sicher in den letzten Jahren hat sich viel geändert auf russischer Seite, die Abfertigung ist einfacher und zügiger geworden. Dennoch ist es nicht ratsam nach 15 Uhr an die Grenze zu fahren, denn Wartezeiten von 4 bis 6 Stunden sind durchaus möglich. Also sind wir noch einen Tag in Lettland geblieben. Jetzt – 7 Uhr morgens – stehen die Motorräder nun auf dem Campingplatz und gleich geht es los.

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TOURENFAHRER