Der Held von Ishim

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Manchmal braucht es nicht viel, um ein Held zu werden. Uns reichen an diesem Abend schon zwei Worte. »Want sleep«. Unser Held trägt eine schwarze Kutte, schwarzen Helm, dunkle Sonnenbrille und sitzt auf einer polternden Harley. Mein Kopfnicken löst bei ihm eine Initialzündung aus. Zwischen dem lauten Getöse aus seinem Auspuff dringt nur ein »Come« an meine Ohren. Für mich sind diese vier Buchstaben der einzige Strohhalm, der diesen Tag ohne großen Stress beenden kann.

Mehr als 600 Kilometer stehen auf dem Tageskilometerzähler. Die Sonne ist gerade dabei, sich für heute zu verabschieden und Ishim schlafen zu schicken. Auf den ersten Blick heißt die Stadt Gäste nicht gerade willkommen – was auch ein zweiter Blick nicht ändert. Niemand will an diesem Ort hängen bleiben, wenn er nicht muss.

Dementsprechend ist die Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten knapp. Erster Anlauf unseres Helden ist das einzige Hotel in Ishim. Die »Lobby« offeriert die Gastlichkeit einer Haftanstalt, alles ist vergittert, dazu passt der Ton der jungen Dame an der »Rezeption«. Eine bisher ungeschlagene Performance aus Unfreundlichkeit und Desinteresse. Frühstück gibt es nicht, und wo wir die Bikes sicher parken können, ist ihr auch egal. Das Kollektiv aus Grobschlächtigkeit, Passivität und Knastatmosphäre hat seinen Preis. 4400 Rubel (110 Euro) ruft die junge Dame auf. Hoppla! Das einzige Hotel am Platz zu sein, ist ein Alleinstellungsmerkmal, das diesen Preis wohl fordern lässt. Trotz unserer Lage – wir brauchen ein Bett – ist uns der Gegenwert, den wir dafür bekommen, zu gering.

Wir kennen inzwischen den Namen unseres Helden. Maxim ist ein Kenner von Ishim und hat noch ein Hostel als Trumpf. »Cheep and Bikes save!« Mit diesen Informationen hängen wir uns an Maxims Hinterrad. Ein paar Ecken weiter stehen wir vor einer Autowaschanlage mit angeschlossener Zimmervermietung. Die Übernachtung ist schnell klar gemacht. Der Preis ist nicht günstig, aber fair. Und die BMWs stehen sicher. Aber genau das ist auch der Nachteil. Der Stellplatz für die Nacht sind die Räumlichkeiten der Waschanlage und die hat bis Mitternacht geöffnet. Vorher können die Motorräder da nicht rein. Zwei Stunden Wartezeit geben uns die Gelegenheit, Maxim ein wenig näher kennen zu lernen und die Anziehungskraft einer manuellen Reinigungsanlage für Autos auf russische Männer zu begutachten. In den Garagen putzen zwei junge Damen die Karren, draußen warten ungeduldig die Herren. Maxim, unser Held, sorgt sich um uns. Karrt mit der Harley Essen und Getränke heran, stoppen können wir ihn nicht.

Langsam entwickelt sich eine Art Gespräch. Alles was die Kommunikation fördert, ist erlaubt. Mein Russisch besteht, ebenso wie Maxims Englisch, aus Fragmenten, dazu mixt Lothar ein wenig Deutsch. Wenn gar nichts mehr geht, hilft eine App über den gröbsten Wissensdurst hinweg.

Wir erfahren, dass Maxim ein Café betreibt und ein Anzeigenblatt herausgibt, dass wir uns vor der Polizei in acht nehmen, auch nicht im Rausch auf die Motorräder steigen sollen und Ishim eigentliche eine »good town« ist.

Nebenbei suchen wir nach Indizien, die die Sicherheit der Motorräder gefährden könnten. Die Herren, die in lockerer Reihenfolge immer wieder vorbeischauen, sind so ein Indiz. Schwarzer Wagen, schwarze Scheiben, schwarze Klamotten. Und jedes Mal haben sie ein bisschen mehr Alkohol intus. Solche Bilder fördern negative Szenarien im Kopf. Maxim bemerkt unsere Sorge. »Good men, drink much, but good men«, beruhigt er.

Unsere Motorräder sind zu einem Anlaufpunkt und Smalltalk-Happening geworden. Es folgen Einladungen zum Banjabesuch mit kostenlosem Zugriff auf alkoholische Getränke. Lassen wir uns darauf ein, droht ein Absturz, der die morgige Fortsetzung der Reise gefährdet. Wir sind zudem viel zu müde. Die 625 Kilometer auf den Enduros sind dem Körper nicht verborgen geblieben und er fängt an, seinen Wunsch nach Schlaf durchzusetzen. Unsere Hoffnungen auf eine frühere Möglichkeit, die Motorräder in die Garage zu schieben, bleiben unerfüllt. Um kurz vor Mitternacht rollt der letzte Kunde des Tage an. Noch einmal für die Damen das volle Waschprogramm. Dann endlich sind wir an der Reihe. Keine viertel Stunde später bekommt der Körper die geforderte Ruhe.

Um 8 Uhr müssen wir raus. Der erste Kunde begehrt ein sauberes Auto, die Motorräder stören da nur. Maxim holt uns ab. Lädt zu einem kleinen Frühstück in sein Café ein. Dann bringt uns unser Held noch vor die Stadt und verabschiedet sich. Vor uns liegen 350 Kilometer bis nach Omsk und eine weitere Zeitverschiebung, plus eine Stunde. Dabei knabbern wir noch an der letzten, vorgestern haben wir die Uhr zwei Stunden vorgestellt, bis Omsk kommt eine weitere dazu.

geschrieben von am Freitag, den 31. Mai 2013

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